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Weihnachtsgedanken 2003 PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: christian   
Samstag, den 20. Juni 2009 um 19:47 Uhr

Weihnachtsgedanken

© 2003 by Christian Dorner

(gelesen auf www.moosebag.net)

 

Es ist ein wunderschöner, verregneter und grauer Vorweihnachtstag. Das einzige, das in Weiß erstrahlt, ist mein in Salz getauchtes Auto, dass friedlich und entspannt die ersten Rost-Reaktionen auf das alljährliche Wettsalzen zeigt. Zufrieden und entspannt, das Beschreibt meine Situation so kurz vor Weihnachten eigentlich immer, eigentlich jedes Jahr. Es ist schön zu sehen, wie die Mitmenschen sich fast schon stündlich auf das nahende Fest vorbereiten und Einlassen. Jeder versucht mehr als sonst den Anderen zu helfen wo er nur kann. Ich nehme einen Eine-Hand-am-Handy Fahrer auf der Strasse nur kurz wahr, als er mir mit der zweiten Hand freundlich herüberwinkt, obwohl er dafür nur einen Finger benötigt – hier Bemerkt man einfach sofort den Profi – ich hätte dafür wohl alle fünf benötigt. Ich schätze er winkt mir so freundlich, weil ich seit einer Minute versucht habe ihm durch der Vorweihnachtszeit nicht angepasstes, hektisches Blinken davon zu Überzeugen, dass ich jetzt wirklich in die Parklücke am Strassenrand rückwärts einparken werde. Verständnisvoll formuliere ich noch einige freundliche Grüße an den unbekannten Fahrer während er laut Weihnachtshupend davonbraust. Geschafft – ich parke – entspannt und zufrieden entgleite ich dem Fahrersitz und husche fast unbemerkt über die Strasse, um auf der anderen Seite dem eigentlichen Ziel des heutigen Ausfluges näher zu kommen. Aufgestachelt von der Werbung konnte ich mich gar nicht mehr Entscheiden, ob ich meiner lieben Frau lieber ein Jahresabo Klingeltöne für den Reisewecker, die Logos für das Display unserer Espressomaschine oder eben doch lieber die 200 CD’s umfassende Sammlung sämtlicher Versionen von Jingle Bells, die als alljährliche Kolläktschn in limitierter Sammler Edition mit Bucklett und siebenundreissigstündiger Extrazugabe in Form einer bisher unveröffentlichter Orchesterprobe des isrealischen Staatsorchesters mit Bill Ramsey unter der Leitung von Georg Thomalla. Derart Verunsichert wollte mir gar kein Geschenk mehr für meinen Bruder einfallen, da er sich bereits letztes Jahr über das zehn Jahres Abo der in sächsischer Mundart übersetzen ‚Hörr dörr Ringöö’ erfreute, welches diesjährig bereits Ausverkauft ist. Schön zu sehen, dass es sich Auszahlt bei Zeiten Geschenke zu besorgen, schön zu wissen, dass die Industrie es anscheinend jedes Jahr immer wieder schafft, genau zu erraten, was wir Kunden uns wünschen und dies zurückhaltend und leise in der gewünschten Form und Farbe vorrätig zu Halten, damit wir einfach nur danach greifen und schenken dürfen. Oft finde ich den gewünschten Gegenstand gar in Geschenkverpackung mit Geschenkband und allerliebster Minichristbaumkugel und das dann sogar noch ohne Mehrpreis. Unglaublich wie dies noch bei den derzeit so hart kalkulierten Verkaufspreisen möglich ist – aber, es ist halt einfach Weihnachten – das ist alles möglich.

Auch in der Arbeit merkt man schon seit Wochen wie allen die Hektik des nun schon fast vergangenen Jahres von den Schultern rieselt und sich mit hellem Glockenklang in das rhytmische Niesen und Husten integriert. Ruhiger wird es, friedlich und Entspannt und all die glücklichen Gesichter, denen man fast täglich auf den Fluren begegnet, man kann sich eigentlich kaum noch vorstellen, dass es jemals anders war. Bemüht ist man, sich zurückzuhalten, damit man nicht die stört, die an diesem Feste gar nicht teilnehmen wollen. Bemüht ist man, die nicht zu stören, die Gedanklich noch gar nicht so weit sind und sich dem Feste verbunden und nah fühlen.

Es piept – das Ankündigungszeichen des SMS Abos, das meine liebe Frau mir letztes Jahr schenkte, welches nun bereits zum fünften Mal heute für den Preis von nur zehn MMS’s einen herzallerliebsten Weihnachtskoalabären zeigt, diesmal habe ich auch fast sofort erkannt, dass sich der Bommel an der Mütze, die auf meinem Handy irgendwie orange aussieht, ein wenig nach oben gewandert ist. Unglaublich, wie die Industrie immer wieder Wege findet uns zu Überraschen.

Ein wenig unschlüssig betrachte ich noch einmal den Weihnachtsprospekt eines großen Supermarktes, der dieses Jahr ein Kundenfreundliches 120 x 60 cm Format gewählt hat. Zwei überaus freundliche Passanten haben mir geholfen den Prospekt komplett zu öffnen und lesen mir die von mir aus gesehen linke Seite vor, während der übrige Verkehr durch lautes Weihnachtshupen signalisiert, dass ich mich mit meiner rechten Seite des Prospektes wieder auf der Bürgersteig stellen sollte. Am Ziel angekommen erfreuen übersichtlich eingeräumte Regale mein Auge und helfen mir alleine durch die Bestückung derselben bei der Auswahl der in Frage kommenden Geschenke, da bis auf einen Wunschartikel keiner mehr vorhanden ist. Keine Frage, da hätte ich früher kommen müssen, es ist ja auch schon eins nach neun und der Laden hat pünktlich um neun aufgemacht. Ich entschuldige mich auch sogleich über die Unverschämtheit meinerseits den Hinweis ‚Wenn weg dann weg’ übersehen zu haben, der in riesigen 1 x 2 mm neben dem Preis stand. Kaum zwei Stunden später bin ich entspannt in einem anheimelnd warmen Verkaufsraum in dem äußerst entspannende siebenundzwanzig Grad Celsius herrschen. Es gelingt mir auch die nächsten zehn Meter in unter 30 Minuten zu überwinden und schon bin ich am Ausgang. Wunderschön kühlt mir die angenehm temperierte Luft meinen verschwitzen Rücken und meine Mitläufer massieren mir mit Kartons den selbigen. Ich entschließe mich nun spontan zum Kauf einer wasserdichten Eieruhr mit vierund- zwanzig Stundenanzeige für meine Allerliebste und schlendere vergnügt zurück zum Wagen an dem inzwischen schon ca. vier Strafzettel an der Windschutzscheibe festfrieren. Alles sind liebevoll in Weihnachtskarten eingesteckt, zum Fest der Liebe wird einfach an mehr Gedacht als an schnöden Mammon. Ich reihe mich in den Verkehr nach Hause und bemerke auch hier das Bemühen des Verkehrsamtes meiner Heimatstadt, mich um die Hektik und den Stress des Jahres in der Vorweihnachtszeit zu bringen und erlebe die von der Stadt initiierten Ampelstaumarathons zum leiblichen Wohle der Verkehrsteilnehmer wohltuend und entspannend bis nach Hause, das ich schon nach fünfzehn Kilometer und sechs Stunden erreiche. Hier schlägt mir die täglich zehnmalige Liebe der Kirche mittels angebrachten Glocken entgegen und ich kann nun gar nicht mehr anders als mich vorweihnachtlich zu fühlen, genauso wie heute Morgen um sieben, als die Liebe der Kirche begann. Derart voller Liebe beschließe ich auch nächstes Jahr meine Weihnachtseinkäufe bereits im November zu tätigen, da es einfach viel Entspannter ist und ich immer und immer wieder Erstaunt bin, wie es die Industrie fertig bringt mich jedes Jahr aufs neue zu überraschen.

 

Nun also ist es soweit, meine Frau darf heute schon um 15.00 Uhr nach Hause, denn es ist ja Weihnachten und alle sind nun versorgt. Kaum nach Hause gekommen fahren wir nur noch schnell unser beiden Eltern ab um die Geschenke auszutauschen dann nach Hause. Dort angekommen haben wir nun für ca. fünf Stunden Weihnachten, das Fest der Liebe und der Freude und der Entspannung und des Friedens und der Weihnachtsglocken, die die liebe Kirche nebenan kostenlos mit uns teilt … viele, viele Minuten lang ……

 

Ich bin ja so unendlich glücklich und noch während ich versuche unser Packpapier in die viel zu kleine Mülltonne zu stopfen denke ich schon ein wenig an nächstes Jahr. Was die Industrie sich wohl wieder ausdenken wird ……. Wer weiss …………

Zuletzt aktualisiert am Samstag, den 19. Dezember 2009 um 12:39 Uhr
 

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